Gedichte
Der alte Adel
Jüngst sprach zu mir ein faules Holz:
»Ich bin des Pfirsichstammes Sohn,
der viel der edlen Früchte trug
vor mehr als tausend Jahren schon.«
Ich warf es lachend ins Kamin.
Was tu ich mit dem leeren Wicht,
Der prahlerisch zu seinem Ruhm
von alter Ahnen Taten spricht?
Jüngst sprach zu mir ein faules Holz:
»Ich bin des Pfirsichstammes Sohn,
der viel der edlen Früchte trug
vor mehr als tausend Jahren schon.«
Ich warf es lachend ins Kamin.
Was tu ich mit dem leeren Wicht,
Der prahlerisch zu seinem Ruhm
von alter Ahnen Taten spricht?
Wilhelm Müller (1794 - 1827)
Gedichte
O wie dankbar ist ein Kind!
Pflege ich die zarte Pflanze,
schütz ich sie vor Sturm und Wind,
wird's ein Schmuck im Himmelsglanze.
Wie gelehrig ist ein Kind!
So wie du es lehrest lesen
in dem Buch, in dem wir sind,
so wird einst sein ganzes Wesen.
Werden muß ich wie ein Kind,
wenn ich will zum Vater kommen;
Kinder, Kinder, kommt geschwind,
ich wär' gerne mitgenommen.
Pflege ich die zarte Pflanze,
schütz ich sie vor Sturm und Wind,
wird's ein Schmuck im Himmelsglanze.
Wie gelehrig ist ein Kind!
So wie du es lehrest lesen
in dem Buch, in dem wir sind,
so wird einst sein ganzes Wesen.
Werden muß ich wie ein Kind,
wenn ich will zum Vater kommen;
Kinder, Kinder, kommt geschwind,
ich wär' gerne mitgenommen.
Clemens Brentano (1778 - 1842)
Gedichte
An eine Rose
Du kleine Rose, glaube mir,
Du sollst Lucindens Busen schmücken.
Ich selber will dich ihr
Itzt auf den vollen Busen drücken.
Dann sag ich: "Mädchen, küsse mich,
Sieh, dies hat Flora dir geweihet.
Sieh, wie die Rose sich
Schon über ihre Stelle freuet."
Doch untersteht ein Jüngling sich
Dich von dem Busen abzubrechen:
Dann, Rose, räche mich,
Dann mußt du ihn gewaltsam stechen.
Doch wenn in meines Mädchens Brust
Nach mir sich zarte Wünsche regen –
O die geliebte Brust!
Dann hauch ihr süßen Duft entgegen.
Du kleine Rose, glaube mir,
Du sollst Lucindens Busen schmücken.
Ich selber will dich ihr
Itzt auf den vollen Busen drücken.
Dann sag ich: "Mädchen, küsse mich,
Sieh, dies hat Flora dir geweihet.
Sieh, wie die Rose sich
Schon über ihre Stelle freuet."
Doch untersteht ein Jüngling sich
Dich von dem Busen abzubrechen:
Dann, Rose, räche mich,
Dann mußt du ihn gewaltsam stechen.
Doch wenn in meines Mädchens Brust
Nach mir sich zarte Wünsche regen –
O die geliebte Brust!
Dann hauch ihr süßen Duft entgegen.
Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (1737 - 1823)